Wie das Unternehmen Otto zum Gendern kam

 

„Wir machen das jetzt“ 

Das Handelsunternehmen Otto verwendet seit einem Jahr in seiner internen und externen Kommunikation den Genderstern. Linda Gondorf und Christian Grünert haben den Sprachwandel initiiert. Ein Gespräch über Hürden, Shitstorms und eine Mission


Ein Interview von Jeanne Wellnitz

Dieses Interview erschien zuerst im Kompendium Gendersensible Sprache, das 2020 vom BdKom herausgegeben wurde.

Frau Gondorf, Herr Grünert, wie kam es dazu, dass bei Otto die gendergerechte Sprache zum Thema gemacht wurde?
Christian Grünert: Wir haben uns vor drei Jahren für verschiedene neue Sprachregeln in ­unserer internen und externen ­Kommunikation entschieden und sind zum Beispiel vom Sie zum Du übergangen. Im Zuge dessen haben wir uns auch mit gendergerechter Sprache ­beschäftigt, schon allein deswegen, weil Fairness ein Wert unseres Unternehmens ist. Also muss auch unsere Sprache fair sein und alle Menschen einschließen. Wir haben dann einen Auftaktworkshop organisiert und alle relevanten Kommunikationsbereiche des Unternehmens eingeladen.

Beruhte der Workshop auf Freiwilligkeit?
Christian Grünert: Ja, wir haben geschrieben, dass es ein relevantes Thema sein könnte und gleichzeitig die Frage gestellt, ob es anderen ähnlich geht. Es meldeten sich 25 Leute zum Workshop an und fast alle haben sich danach für die gendergerechte Sprache ausgesprochen. Manche waren aber auch skeptisch, wie das alles funktionieren soll, weil es bei dem Thema ja keine übereinstimmende Linie gibt, auch in der LGBTIQ-Community nicht.

Linda Gondorf: Wir haben in der Unternehmenskommunikation darüber diskutiert und uns gefragt: Können wir das sofort umsetzen? Wo müssen wir anfangen? Lösen wir eine Welle aus und alle machen mit? Oder kommt nur ­Kritik und Unverständnis? Ich ­erinnere mich noch, wie wir in einem ­morgendlichen ­Meeting ­darüber sprachen und unser Kommunikations­chef Martin Frommhold sagte wie aus der ­Pistole geschossen: „Wir machen das jetzt! Selbst wenn wir merken, dass uns das auf die Füße fällt. Dann müssen wir darauf ­reagieren, aber wir können jetzt nicht stehen ­bleiben.“ Die Pressemitteilungen gingen von da an ­gegendert raus, die Texte im Newsroom ­wurden ­angepasst und die Bereichs­vorstände bekamen ­Vorschläge, wie sie gendergerecht ­kommunizieren können.

Sie haben sich für den Genderstern entschieden. Aus welchen Gründen?
Linda Gondorf: Es war uns schon im Workshop klar, dass für uns nur der Stern sinnvoll ist, weil er alle Geschlechtsidentitäten einbezieht und auch gängig ist in der queeren ­Community. Für das Wort, das am häufigsten bei uns fällt, haben wir die englische Entsprechung eingeführt: Statt „Kundenservice“ heißt es jetzt „­Customer Service“. Es gibt eine Leitlinie und eine Wörterliste. Wir haben alle Texte überprüft, bevor sie veröffentlich wurden. Es sind auch Fehler passiert: Einmal wurde versehentlich eine ungegenderte Pressemitteilung verschickt. Das passiert und war okay für uns, weil wir die ersten Monate als Lernprozess verstanden haben. Aber jetzt nach einem Jahr haben alle im Kommunikationsteam die gender­gerechte Sprache verinnerlicht.

Gab es auch Wörter, an denen Sie verzweifelt sind?
Linda Gondorf: Oh ja, zum Beispiel „Baumwollbauer“ für einen Artikel über Baumwolle, die in Afrika hergestellt wird. Wie kann man den ­Plural gendern? Bei „Bäuer*in“ ­bestehen ja nicht mehr beide Formen gleichrangig durch den Umlaut. Wir haben uns dann auf ­„Bauer*Bäuerin“ geeinigt.

Haben die Redaktionen den Stern aus den Pressemitteilungen übernommen?
Linda Gondorf: Nein, bislang noch nie. Wir fügen das Sternchen in Autorisierungen von Interviews ein und geben einen Hinweis, dass wir gendern, aber die Redaktionen können natürlich frei entscheiden, wie sie kommunizieren.

Wurde der Stern dann durch neutrale Alternativen oder Doppelnennungen ersetzt?
Linda Gondorf: Nein, mit der generisch ­verwendeten maskulinen Form.

Christian Grünert: In diesem Wandel können wir nur unsere Haltung sichtbar machen. Wir ­nutzen auch viele genderneutrale Begriffe und den Stern nur an den Stellen, an denen er besonders wichtig ist für die Sichtbarkeit aller Geschlechter.

Führte die neue Sprachregelung auch zu Unmut im Kollegium?
Christian Grünert: Es gibt natürlich ­Kommentare wie: „Wird jetzt der Apotheker zur ‚­Approbierten pharmazeutischen Fachkraft‘? Das nimmt ja kein Ende.“ Doch unsere ­Mitarbeitenden sind erreichbar für Argumente und ­Austausch. Wir hatten mit sehr viel mehr Gegenwind ­gerechnet. Mittlerweile habe ich sogar das Gefühl, dass sich der Gegenwind in einen ­leichten Rückenwind gewandelt hat. Selbst die Vorstände machen das Thema sichtbar und ­stehen hinter uns.

Brauchten Sie also keinen Krisenplan?
Linda Gondorf: Genau, aber uns war klar, dass wir aufmerksam sein müssen. Das Kommunika­tionsteam hat das Intranet im Blick behalten und wir haben online für alle zugänglich Infos, Übungen und Wörterlisten zum Herunterladen veröffentlicht. Es gibt viele konstruktive Fragen, auf die wir eine Antwort haben müssen. Wir ­lernen alle gemeinsam.

Christian Grünert: In diesem Prozess stellen wir uns ständig selbstkritisch Fragen und haben auch Aufsichtsratsmitglied Benjamin Otto gefragt, ob das alles in seinem Sinne ist. Er sagte: „Ja, weitermachen!“ und bat uns, das Thema in die gesamte Otto-Gruppe zu tragen.

Linda Gondorf: Jede Otto-Gesellschaft kann ­jedoch autark entscheiden, ob sie das Thema jetzt schon behandelt oder noch abwartet. Der Rechtschreibrat wartet ja auch ab.

Menschen, die bei Otto bestellen, ­können allerdings noch nicht „divers“ anklicken, sondern müssen sich bei der Anrede zwischen „Herr“ und „Frau“ entscheiden.
Christian Grünert: Das sind riesige, komplexe, ­vernetzte Systeme und wir sind gerade dabei, uns einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Wenn die Anmeldemaske umgestellt wurde, können auch die Teams aus den Callcentern die Menschen, die bei uns bestellen, gender­neutral ansprechen. Wir sind aber dennoch immer ­darauf angewiesen, dass uns am Telefon mitgeteilt wird, wie jemand angesprochen werden möchte. Das kann dann vermerkt werden.

Auf der Karrierewebseite sind viele Stellenangebote zwar mit dem Zusatz „männlich, weiblich, divers“ aufgeführt, aber noch im sogenannten generischen Maskulinum verfasst. Das müsste Ihnen ja ein Dorn im Auge sein, oder?
Linda Gondorf: Ja, aber es gibt auch schon HR-Verantwortliche, die den Stern einsetzen. Unsere Schulungen für das ganze Unternehmen laufen gerade erst an. Und die HR-Abteilungen werden als Erste eingeladen.

Haben sich auch schon nichtbinäre, trans* oder inter* Personen zu Ottos neuer Sprache geäußert?
Linda Gondorf: Wir haben ein queeres Netzwerk namens More* mit rund 300 ­Mitgliedern – von ihnen bekommen wir ­natürlich Zuspruch. Aber über die Sozialen Medien heizt sich das Thema sehr schnell auf. Als wir ­unseren ­Podcast über gendergerechte Sprache ­veröffentlicht haben, wurden wir auf Twitter hart ­angegangen. ­Vielleicht lag es auch am Timing: Wir ­hatten einige Wochen zuvor schon eine ­heftige ­Diskussion über schwarze Models auf ­unserer ­Website. Rechtsgesinnte Menschen waren ­natürlich angestachelt, als wir wenige Zeit ­später mit dem Gendersternthema um die Ecke kamen. Wir wurden beleidigt. Natürlich war das alles nicht schön, aber auszuhalten, denn der Stern ist für uns kein Trend, sondern ­symbolisiert unsere Haltung.

Haben Sie auf die Häme reagiert?
Linda Gondorf: Bei Twitter können Posts unkommen­tiert gelassen werden, wenn die ­Diskussion niveaulos verläuft. Bei dem Thema um unsere schwarzen Models haben wir jedoch ein sehr deutliches Statement veröffentlicht.

Christian Grünert: Wir wissen, dass das der ­richtige Weg für uns ist, und müssen an ­manchen Stellen auch einfach den Protest aus­halten. Durch diese Debatten wird unsere ­Haltung erst richtig sichtbar. Ich halte es immer mit einem Spruch meines ehemaligen Chefs: „Eine Haltung, die nichts kostet, ist auch nichts wert.“

Linda Gondorf

ist Chefin vom Dienst und Head of Content in der Unternehmens­kommunikation. Otto hat für die ­Einführung gender­gerechter ­Sprache mit dem Start-up ­Fairlanguage zusammen­gearbeitet. 

Christian Grünert

ist Senior-Texter im Bereich ­Strategy & Brand und verantwortlich für die Markensprache. Bei Otto ­arbeiten 4.900 Menschen. Bei der  weltweit ­agierenden Handels- und Dienst­leistungs­gruppe Otto Group sind es rund 52.000. 

Jeanne Wellnitz im Interview mit Gabriele Diewald.